Die Negritude: Katalysator des Nationalismus

Das Ziel der Negritude war die Rehabilitation der Werte der schwarzen Bevölkerung auf allen Kontinenten, die Forderung nach Menschenrechten und die Befreiung von jeglicher Art von Knechtschaft, Anliegen, die zu theoretisch und allgemein formuliert sind hinsichtlich einer Realität, die von der neuen Erfahrung der Unabhängigkeit ge-prägt war. Es wäre noch einmal zu überdenken, was Senghor mit der "Literatur der Volksschullehrer" meinte. Nachdenklich stimmt auch die rosarote Brille, durch die sie auf die Wirklichkeit blickte. Aus einer idyllischen und idealistischen Optik heraus konnten die brennenden Alltagsprobleme, die die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten mit sich gebracht hatten, nicht erfasst werden. Und die neuen afrikanischen Schriftsteller - ihre Zahl wurde immer größer - gingen dazu über, mit Luzidität, mit Härte und nicht selten auch mit Bitterkeit die Mängel ans Licht zu bringen, an denen die afrikanischen Nationen krankten - und das mit einer Schonungslosigkeit, die sie nicht selten Verfolgungen und dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit aussetzten.

1968 durchquerte die afrikanische Literatur die Wüste. Es war die Entstehungsphase der Protestliteratur, einer Literatur, die an den neuen afrikanischen Wertvorstellungen Kritik übte. Repräsentativ für diese Bewegung sind die Autoren Malick Fall mit dem Roman "La Plaie" (Senegal), Yambo Oloungmen mit "Le devoir de violence" (Mali) und Amadou Kourouma mit "Le Soleil des Independances" (Elfenbeinküste). In den drei Romanen werden die empörenden Missstände aufgezeigt, die die führenden afrikanischen Klassen in ihren Ländern überhandnehmen ließen: Inkompetenz in der öffentlichen Verwaltung, Korruption und Veruntreuung, Dirigismus und Despotismus, Mystifizierung, der Kult der Persönlichkeit, das Fehlen eines Berufsethos, fehlende Arbeitsmoral usw. In "La Plaie" wird geschildert, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen zu kämpfen haben, um sich in die neue Ordnung in den Nationalstaaten einzufügen; "Le Soleil des Independances" beleuchtet eines der dunkelsten Kapitel der "afrikanischen Realität; das uneingeschränkte Machtpotential der Einheitspartei; "Le devoir de violence" ist ein Gegenstück zu den Romanen der Negritude, die die vorkoloniale Zeit als eine Welt der Harmonie und der paradiesischen Glückseligkeit feierte. Ganz anders "Le devoir de violence", wo die alte Welt als krank und verdor-ben erscheint, eine Welt der Korruption und des Obskurantismus, ausgeübt von den privilegierten Klassen, den Potentaten, Zauberern, Sybariten, Marabuts, machtgieri-gen Höflingen - fast ein Spiegelbild der politischen Klassen in den afrikanischen Ge-sellschaften der Gegenwart. In diesem Zusammenhang darf Ayi Kwei Armah nicht unerwähnt bleiben, der im Roman "The Beautiful Ones are not yet Born" das pessi-mistische Bild einer Welt zeichnet, in der Fäulnis, Verwesung und Moder herrschen. Die ghanaische Gesellschaft aus der Zeit Nkruma wird mit fast klinischer Kälte und Präzision seziert, und die Analyse ergibt ein erschreckendes Bild. Ist Afrika, indem es die Unabhängigkeit erlangte, zu Dekadenz und Barbarei zurückgekehrt?

An den Richtlinien, die diese vier Schriftsteller legten, sollten sich fast alle Afrikaner der zweiten und dritten Generation orientieren. Es sind Schriftsteller, die an den zeit-genössischen afrikanischen Eliten schärfste Kritik üben. So etwa schildert der Sene-galese Sembene Ousmane in dem 1968 erschienenen Roman "Le mandat" die ob-skuren Praktiken der neuen afrikanischen Administration. Auch die Nigerianer Chinua Achebe und Wole Soyinka beziehen eindeutig Position gegen die neuen Regierun-gen nach der Unabhängigkeit. Den Kameruner Mango Betsi trieb seine spitze Feder sogar ins Exil. Die gleiche Problematik findet sich in den Werken der Kongolesen Guy Mengo, Henri Lopez, Sony Labou Tansi, Angesichts der Diversität der afrikani-schen Probleme versucht jeder Schriftsteller eine individuelle Optik zu entwickeln, aus der er seine Umwelt analysiert, was schließlich zur Entstehung der Nationallitera-turen und der literarischen Nationen führte

 

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