Nigeria - literarische Nation

Nigeria fällt durch die Fülle neuer Nationalliteraturen auf. Die literarische Vielfalt ist auf die sprachliche Vielfalt zurückzuführen, auf die Sprachen, die seit langer Zeit zu den Schriftsprachen gehören. Es ist eine reiche Literatur in Yoruba, Haussa, Ibo usw. vorhanden. Hinzu kommt das freiwillig übernommene Englisch. Es ist verständlich, dass die stark bevölkerten Länder Afrikas eine gewisse Vorrangstellung einnehmen; dass sie nicht nur über eine quantitativ reiche Literatur von hoher Qualität verfügen. Der erste afrikanische Nobelpreisträger ist Wole Soyinka, ein Nigerianer. Auch die Pressefreiheit, die im Land herrscht, kann den hohen kulturellen Ansprüchen nur dienlich sein. Literatur wird in verschiedenen Sprachen geschrieben, wobei bei-spielsweise ein in Yoruba verfasstes Werk einem Ibo oder Haussa nicht zugänglich ist und umgekehrt, so dass nicht von einer nigerianischen Literatur gesprochen wer-den kann, sondern von nigerianischen Literaturen, die alle zusammen eine Literatur-nation bilden.

Die Vielsprachigkeit ist von entscheidendem Einfluss auf die Literatur, wobei das Englische die Sprache ist, auf die sich die gesamte literarische Produktion stützt. Das Vorhandensein der vielen Sprachgruppen unterscheidet Nigeria von den anderen afrikanischen Ländern. Die literarische Bewegung in Nigeria hat eine originelle Ent-wicklung durchgemacht, die sich von den einheimischen Sprachen jedoch in stei-gendem Maße abwendet. Am besten lässt sich dieser Trend am Beispiel der Regio-alliteratur von Ouitsha illustrieren, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Ouitsha, eine größere Stadt an der Ibo-Region, wurde während des Biafra-krieges zerstört. Sie gewann an Attraktivität für die Landflüchtigen, deren Zustrom eine Reihe von typischen Phänomenen entstehen ließ: Urbanisierung, neue ökonomische Be-dürfnisse, der Drang, dem Status als Bürger Nigerias eine gewisse Würde zu verlei-hen, das berauschende Gefühl der Unabhängigkeit, das den nationalen Gedanken näherte und damit im Zusammenhang der Wunsch vieler Schriftsteller nach nationa-ler Geltung. Eine neue literarische Bewusstheit, die sich mit der historischen Entwick-lung, den veränderten Lebensbedingungen in dieser neuen Kulturlandschaft ausei-nandersetzte, wurde notwendig. Junge Nigerianer, gerade erst alphabetisiert, ge-prägt vom städtischen Milieu, griffen einfache Geschichten mit viel Lokalkolorit auf und verarbeiteten auf höchst originelle Weise typisch nigerianische Sujets. Es ent-stand eine sehr lebendige und produktive literarische Bewegung; bis die Zerstörung Ouitshas während des Bürgerkrieges erschienen etwa 400 Titel. Bereits 1963 wies der Ibo Domatien Murago in einem Artikel in der "Sensation" auf 200 Titel hin. Diese Literatur umfasste alle möglichen Kategorien von der praktischen Lebensberatung über den politischen Essay bis hin zu Biographien von afrikanischen Reihen dieser spontanen Berühmtheiten. Aus den Reihen dieser spontanen Literatur ging auch Cy-prian Akurensi hervor, der berühmte Schilderer des städtischen Lebens. Er schrieb u. a. - er ist ein ausgesprochen produktiver Autor - "Jagua Mana", People of the City", "Iska" usw. Die Literatur Ouitshas präsentiert ein städtisches Universum in neorealistischer Manier und im Feuilleton-Stil, ein Universum, das von Gewalt ge-zeichnet ist, von Sex, Brutalität und Intrige, der Mystifizierung und Glorifizierung der afrikanischen Frau - Themen von marginaler Bedeutung für den afrikanischen Ro-man, doch verständlich, bedenkt man das kulturelle Niveau, verständlich auch ihr didaktischer Hintergrund.

Die nigerianischen Schriftsprachen haben eine lange Tradition. Die umfangreiche ethnische Literatur wendet sich nicht nur an ein lokales Publikum. Sondern übt einen beträchtlichen Einfluss auf die gesamte Literatur des Landes aus. Fnugunwa, einer der bekanntesten nigerianischen Autoren, schreibt in Yoruba. Es ist kein Zufall, dass die drei großen Schriftsteller des Landes auch verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Chinua Achebe ist dem Einfluss des Ibo verpflichtet, Totuola und Wole Soyinka dem Einfluss des Yoruba.

Amos Totuola ist ein verwirrender Autor, ein souveräner Erzähler, mit dessen eigen-williger Technik sich unzählige wissenschaftliche und kritische Arbeiten abmühen. Obwohl Totuola eindeutig der mündlichen afrikanischen Tradition verpflichtet ist, mu-ten seine Mythen und Archetypen surrealistisch an. Seine Literatur ist genuin afrika-nisch, frei von jeglicher okzidentalen Entwicklung. "L'ivrogue dans la brousse" und "My life in the Bush of the Ghost" tragen das unverwechselbare Signum afrikanischer Provenienz.

Chinua Achebe thematisiert in seinen Romanen "Le monde s'effoudre" (sein bestes Werk, das Werk auch, mit dem er den Durchbruch schaffte) und "La Fleche de Dieu" den brutalen Zusammenprall zweier völlig entgegensetzten Welten: Abendland und Afrika. Die Verwirrung und Unsicherheit, verursacht durch das Eindringen schädlicher abendländischer Vorstellungen, ist ein Thema, mit dem sich die afrikanische Literatur konstant auseinandersetzt. Die kulturelle Entfremdung ist auch heute noch ein Prob-lem von brennender Aktualität. Nach diesen beiden Werken über den Zerfall der tra-ditionellen Gesellschaften und die forcierte Öffnung Afrikas für den Kolonialismus schrieb Achebe einen Roman, in dem er die Entwicklung des unabhängigen Afrika schildert: "The Man of the People". In "Le demagogue" klagt er die neue degenerierte Gesellschaft an. Und in seinem letzten Essay "The Trouble of Nigeria" fordert er alle Mitbürger (warum nicht aller Afrikaner?) zu einer ernsthaften Selbstkritik auf.

Wole Soyinka ist in allen literarischen Genres bewandert, in Epik, Lyrik und Dramatik. Die bemerkenswerte Qualität seiner literarischen Produktion wurde mit dem Nobel-preis für Literatur anerkannt. Der engagierte Verteidiger der Demokratie will durch Kritik und Aufklärung zur Verbesserung der Verhältnisse in den neuen afrikanischen Gesellschaften beitragen und speziell der Verhältnisse in seinem Land. Seine scho-nungslose Kritik, sein Hang zu Satire und Ironie brachten im zwei Jahre harter Ge-fängnisstrafe während des Bürgerkrieges ein. Der Tenor seiner Werke ist geprägt von Unbehagen, Bitterkeit und Ekel, aber auch unerbittlicher Kritik an der Dekadenz und Verderbtheit aller gesellschaftlichen Schichten. Alle seine Werke zeugen von einem unbeugsamen Engagement, angefangen von "A dance of the Forest" und "Kongui Harvest" über "The Interpreters", "Madmen and Specialists" bis hin zu "The Trial of Brothers Jero" und seiner Autobiographie "Ake, die Jahre der Kindheit". Soy-inka konfrontiert die künstlerische und intellektuelle Sensibilität mit der Brutalität, die heute den Kontinent vergiftet. Wenn die wache Sensibilität vernichtet wird, bedeutet das nicht nur das Auslöschen der afrikanischen Werte, sondern den Sturz der gan-zen Welt in eine unvorstellbare Bestialität.

Obskurantismus, Autoritarimus, Totalitarismus, das Los aller afrikanischen Länder, fordern die Schriftsteller immer wieder zur Stellungnahme heraus. Nigeria machte eine ganz besondere Entwicklung durch, mit einem historischen Wendepunkt im Bürgerkrieg. Diese unglückliche Episode hat nichts an Aktualität eingebüßt und ist nach wie vor ein Problem, das aus der Literatur nicht wegzudenken ist. Ein literari-scher Niederschlag findet sich in den Romanen "Girls at War" von Chinua Achebe", The Broken Bridge" vo Alade, "Sunset in Biafra" von Elechi Amadi, "The Combat" und A Wreath for Maidens" von Kole Omotosho und Jonh Munonye. Wole Soyinka nahm sich ebenfalls des Themas an, was er mit einer Gefängnisstrafe zu büßen hatte. Im allgemeinen zeichnet sich die Kriegsliteratur durch seine wirklichkeitsgetreue Darstel-lung aus. Ihr Realismus machte Schule. Die Schriftsteller der letzten Jahrzehnte wandten sich ab von den didaktischen Ansprüchen ihrer Vorgänger und begannen zunehmend, sich mit den gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Fragen auseinanderzusetzen, die ihre Gesellschaft aushöhlen. Wenn sie den Alltag schil-dern, die Entwicklung ihrer Länder, wiederholen sie nicht nur die Objektivität und Kaltblütigkeit ihrer Vorgänger - beispielsweise Soyinkas - sondern zeichnen sich durch eine gesteigerte Int3llektualität aus. Die Romane Isidore Openohos und Nkem Nwankwos sind repräsentativ für die kalte und luzide Kritik an einer Welt, die sich unaufhaltsam auf unmenschliche und künstliche Werte zubewegt. "Violence, the Vic-tim and Past Duty" und My Mercedes is Bigger than Yours" schildern den Klassen-kampf zwischen den Neureichen und den Ausgebeuteten und Enteigneten.

Eine andere Tendenz, die sich in der gesamten afrikanischen Literatur bemerkbar macht, ist der Radikalismus: ihm dient die Literatur als Waffe im Klassenkampf. Die-se Literatur will das gesellschaftliche System durch einen Bewusstseinswandel der jungen Generation ändern. Die jungen Menschen sollen dazu bewegt werden, gegen die Dekadenz und für die permanente Revolution zu kämpfen. Femi Osofisan und Kole Omokosho sind leidenschaftlich engagiert in dieser ideologischen Tendenz.

 

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