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Afrikanische Literatur im Überblick -  Teil 1       

Le Baron Albert Mikangou Nkangou

Die Strömungen und Gegenströmungen in der afrikanischen Literatur südlichen Sahara haben ein so hohes Maß an Komplexität erreicht, dass sie fünfzig Jahre zuvor gültigen Beg-riffe wie "schwarze Literatur" oder "Literatur der schwarzen Welt" als Anachronismus erscheinen müssen. Es ist nicht mehr angemessen, von der afrikanischen Literatur zu sprechen, als wäre sie ein monolithischer Block. Die Entstehung von Nationallite-raturen und nationalen Identitäten hatte auch eine differenzierte Betrachtungsweise des Phänomens Literatur zur Folge, handelt es sich doch um kein einheitliches Gan-zes, sondern um eine durch die verschiedensten Ursachen bedingte Vielfalt. Zu dem Zeitpunkt, als die nationale Frage ihren Höhepunkt erreichte und jede Region, jedes Land seine spezifische Realität schuf, war es nicht mehr angebracht, von der Exis-tenz einer einzigen afrikanischen Literatur auszugehen. Gerade das fieberhafte Stre-ben nach einer nationalen Identität und Kultur macht deutlich, wie schwierig eine Ori-entierung in den verschiedenen kulturellen Epochen, Völkern, Gesellschaften, Öko-nomien und vor allen Ideologien ist. Die von jedem einzelnen Staat getroffene politi-sche Entscheidung ist ein weiterer Faktor, den es zu berücksichtigen gilt.

Das literarische Mosaik südlich der Sahara widerspiegelt die Geschichte des Konti-nents. In der vorkolonialen Zeit existierten in den Sahara- und Savannengebieten mächtige Königreiche wie das Königreich von Mali, Ghana, das Kaiserreich von Sou-rai. Die Völkervermischung, die unter ihnen zustande kam, legte seit dem afrikani-schen Mittelalter den Grundstein für eine spezifische Kultur. Die Länder in den Wald-gebieten bzw. Königreichen wie beispielsweise Kongo machten eine andere, wenn nicht gar entgegengesetzte Entwicklung durch, was schließlich zu den großen kultu-rellen Unterschieden von einer Region zur anderen führte. Später unternahmen die Kolonialherren den Versuch, die kulturelle Diversität zu vereinheitlichen, was ihnen nur zum Teil gelingen sollte. Die in Jahrtausenden gewachsenen Traditionen waren nicht so einfach zu nivellieren oder gar auszulöschen. Alle afrikanischen Regionen, sogar die Regionen innerhalb eines Landes, verfügen über eigene Kulturformen un-terschiedlicher, oft sogar divergierender Prägung. Gegenwärtig versucht jedes Land, seine kulturellen und nationalen Werte zu pflegen und seine Eigenständigkeit gegen-über den benachbarten Kulturen zu wahren. Wenngleich der Wunsch nach nationaler Einheit, der Kampf gegen die Unterentwicklung und die verschiedenen Krisen ein gemeinsamer ist, tendiert doch jede Nation dazu, ihre Probleme auf ihre Weise zu lösen. Angesichts der kulturellen Vielfalt wäre es widersinnig, von einer einzigen ho-mogenen afrikanischen Literatur zu sprechen. Afrika hat viele Literaturen, die sich von Land zu Land, von einem kulturellen Gebiet zum anderen unterscheiden. Ob-wohl die Afrikaner die drei von den Kolonialmächten hinterlassenen Sprachen ver-wenden: Französisch, Englisch und Portugiesisch büßt die in diesen Sprachen ge-schriebene Literatur nichts an Spezifität ein. Kongo und Zaire sind französischspra-chige Nachbarländer. Und dennoch: ließt man Werke von Sony Labou Tansi oder Henri Lopez aus Kongo Brazzaville und Werke von Mudembe und NGal aus Kongo-Kinshasa entdeckt man einen Bruch, zwei Realitäten, die sich nicht decken. Die Geographie spielt keine geringe Rolle: quer durch Afrika werden die Schriftsteller mit verschiedenen Realitäten konfrontiert. Es ist selbstverständlich einfacher, konform dem konventionellen Schema zu denken demzufolge die afrikanische Literatur - ihre Varianten werden dabei nicht zur Kenntnis genommen - uniform ist mit dem immer gleichen strukturellen Mustern, den ewig wiederkehrenden Themen, Problemen und Intrigen und einer zu einfachen Lösung, die nicht, wie es sich gehört, auf eine raffi-niert gesteigerte Verwicklung folgt. Und wie sollte es auch anders sein in einer Litera-tur, die in so hohem Maße abhängig ist von den traditionellen Mustern? Doch abge-sehen von der unleugbaren Präsenz (und Permanenz) der traditionellen Werte: die afrikanische Literatur bildet sich in dem jeweiligen geographisch-nationalen Raum, sowohl in der Wahl der Formen als auch der Inhalte und Sprachen. In den sechziger Jahren befand sich Afrika in einem historischen Prozess, der in mancherlei Hinsicht an die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert erinnert: es war die Zeit der Entste-hung der Nationalstaaten. Das Bewusstsein der Afrikaner, am gemeinsamen Fort-schritt zur Errichtung der Nation teilzuhaben, kam in einem überschwenglichen Ge-fühl der nationalen Identität, des neuen Selbstverständnisses als Bürger zum Aus-druck, die sich nunmehr alle als zu einem gemeinsamen Gebiet zugehörig betrachten konnten - was auch eine Abschwächung des Tribalismus bedeutete - , an einer ge-meinsamen Kultur, Sprache, Religion und historischen Tradition teilzuhaben. Und die Literatur, als vermittelnde Instanz für Ideologien, wird folglich als Grundstein des Na-tionalismus betrachtet. Zur Festigung der spirituellen Werte legten die neuen Natio-nalstaaten großes Gewicht auf die Literatur wie auch auf die Verwertung des kulturel-len Vermächtnisses überhaupt. Weil das Bewusstsein und die Lebensfähigkeit einer Nation von ihrem kulturellen Erbe abhängt, den gemeinsamen Erinnerungen und dem gemeinsamen Wunsch, als Nation vereinigt zu leben, wurde diesem Bereich eine große Bedeutung beigemessen. Das war auch der Anfang der Nationalliteratu-ren. Sie entstanden in der politischen Diskussion und entfernten sich allmählich von der schwarzafrikanischen Bewegung, vom Panafrikanismus, verkörpert in der Negri-tude. Die lokalen Gegebenheiten in den Nationalstaaten bewirkten das Entstehen eines starken Nationalbewusstseins, so dass mit der Zeit bei den afrikanischen Bür-gern das Gefühl entstand, zuerst einer bestimmten Nation anzugehören und nur in zweiter Linie Afrikaner zu sein. Und natürlich sind die Schriftsteller nicht nur das Pro-dukt einer Sprache und einer Kultur, sondern tragen kreativ zur Gestaltung der Wirk-lichkeit und zum Erwachen des Nationalgefühls bei. Der Begriff, mit dem die afrikani-sche Literatur als eine undifferenzierte homogene Masse bezeichnet wird, hat sich der Einfachheit halber durchgesetzt, die Praxis hingegen stellt ihn ständig in Frage. Obwohl jeder Nationalstaat mit dem gleichen Phänomen konfrontiert wird, variiert die Einstellung dazu von Land zu Land. So trifft man überall auf den Traum von einer sprachlichen, ethnischen und politischen Einheit, seine Umsetzung in die Tat jedoch geschieht im Einklang mit den nationalen und kulturellen Gegebenheiten. Und nicht zuletzt trägt die Existenz der Nationalsprachen zur Begeisterung für die nationalen Modelle bei. Die Unterdrückung, ja Erstickung der geistigen Werte führt immer wieder zu Manifestationen des Widerstands, die gewaltlos beginnen, in dem Fall aber, in dem die Krise nicht durch einen klugen Kompromiss gelöst wird, in einen feindlichen Zusammenstoß münden. Die afrikanische Literatur ist aus dem Kampf zweier Kultu-ren hervorgegangen: die eine, die europäische, ist dominant und destruktiv, die an-dere unterjocht, verachtet, dem Untergang geweiht. Aus ihrer Geringschätzung der afrikanischen Werte haben die Europäer, allen voran die Franzosen, nie ein Hehl gemacht. Sie versuchten, die kolonialisierten Afrikaner zu einem leicht formbaren Spielzeug herabzuwürdigen, von dem man meinte, es aufgrund seiner angeblichen Kulturlosigkeit leicht nach eigenen Vorstellungen modellieren zu können. Jedoch die Assimilierung, die das Auslöschen der Persönlichkeit der Kolonialisierten bezweckte, stieß ganz im Gegenteil auf eine vehemente Verteidigung der traditionellen Werte. Die Revolte gegen den kolonialen Nihilismus führte zur Entstehung der Negritude, der erste kohärenten und konzentrierten "Manifestation des Widerstandes gegen die europäische Kulturdiktatur. Schwarze Studenten aller Kontinente, mit einem ähnli-chen französischsprachigen kulturellen Hintergrund und einem intellektuellen Werde-gang, der an Paris gebunden war, kamen zusammen auf der Basis der gemeinsa-men kulturellen Forderung und gründeten eine epochemachende Bewegung: die Negritude. Das Ziel der Bewegung war die Anerkennung und Durchsetzung der Wer-te aller Schwarzen von allen Kontinenten. Um das Programm der Negritude an die Öffentlichkeit zu bringen und um ihre Thesen zu erhärten, gründeten ihre Initiatoren Leopold Sedar Senghor, Aime Cesaire und Louis Gontrau Damas die Zeitschrift "L'Etudiant Noir". Bald darauf traten die drei Schriftsteller mit bedeutenden Werken an die Öffentlichkeit: Cesaire mit "Cahier d'un retour au pays natal", Damas mit "Pig-ments" und Senghor mit "Anthologie de las poesie negre". Die Konzeption, die den Anfängen der Bewegung zugrunde lag, war die Aufforderung an die Afrikaner, sich mit ihrem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen, und gleichzeitig verstand sie sich als Schutzwall gegen die heimtückische Aggressivität der abendländischen Kultur.

Historische Entwicklung

Die Entstehung der Negritude geht auf das Jahr 1938 zurück Wenngleich ihre Be-deutung nicht genug hervorgehoben werden kann, heißt das nicht, dass es vor die-sem Zeitpunkt keine literarische Bewegung gegeben hätte. Die Negritude hatte Vor-läufer, doch ihr sollte es erstmals gelingen, den geistigen Elan zu konzentrieren, um die Invasion der sich überlegen dünkenden, in ihren Augen jedoch falschen Werten der abendländischen Zivilisation aufzuhalten. Ihrem Selbstverständnis nach war die Negritude die Konzentration der Hoffnungen aller kolonialisierten und unterdrückten schwarzen Menschen, seine Aufklärung und Sensibilisierung als notwendige Voraus-setzung, um die Assimilation durch den Kolonialismus entgegenwirken zu können, wobei das Entstehen eines historischen Bewusstseins - als Auseinandersetzung mit der Ausbeutung und dem Rassismus in Nordamerika und Südafrika, mit der beinahe verlorengegangenen Größe der Rasse - aus einer humanistischen Perspektive anvi-siert wurde. Diese Probleme waren bereits vor der Négritude von den Afrikanern er-kannt und aufgegriffen worden, ohne erschöpfend behandelt worden zu sein. So ließ das Rassenbewusstsein in Südafrika bereits 1906 literarische Werke entstehen, wie etwa die Romane von Thomas Mofolo, die er in seiner Muttersprache verfasste, von denen der bekannteste Roman "Tchaka" ins Englische übersetzt wurde. Überall in Afrika machte sich in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen ein literarischer Aufbruch bemerkbar: 1920 der nicht zu überhörende Aufschrei des senegalesischen Romanciers Amadou Mapate Diagne mit "Les trois volontes de Malick"; 1929 schrieb der Togolese Felix Conchoro "L'esclave", 1937 trat Ousmane Soce mit "Mirage des Paris", an die Öffentlichkeit, 1948 mit "Karim"; 1935 erschien der Roman "Dognicimi" von Paul Hatovme. Einige dieser Bücher huldigten dem Kolonialismus ("Karim", "Mi-rage des Paris"; "Les trois volones de Malick"), eine Einstellung, die sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend ändern sollte, als überall das nationale Bewusstsein erwachte. Damals vertraute Conchoro seine Werke der "Depeche Afri-caine" an, damals schrieb Bernard Dadie seine ersten Essays für "Le Reveil et la Democrate", ein Organ des RDA, Sektion Elfenbeinküste. Später sollte das zentra-lafrianische Presseorgan "Liaison" eine Autorengruppe vorstellen, u. a. Jean Malon-ga und Sylvain Mbemba. In Nigeria folgte das Magazin "Black Orpheus" dem Beispiel seiner französischsprachigen Vorläufer und fang zunächst einen starken Anklang bei den französischsprachigen Schriftstellern.

Doch zurück zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, speziell zum Jahre 1921, als das Erscheinen eines bedeutenden Romans von sich reden machte. Es handelte sich um "Botouala", ein authentisches afrikanisches Werk, für das sein Autor Rene Maran mit dem Prix Concourt ausgezeichnet wurde. Das Buch war als ein Gegenge-wicht zu den ethnozentrischen Werken der französischsprachigen Autoren intendiert. Der Roman ergriff eindeutig Partei für die Unterdrückten und war eine kühne Provo-kation an die Adresse der Kolonialmächte. Erstmalig werden die kolonialisierten Völ-ker mit ihrer eigenen Sensibilität, ihrer Zivilisation und ihren kulturellen Werten dar-gestellt, Werte, die die Kolonialherren mit Füßen getreten hatten. Rene Maran gibt den abendländischen Ethonzentrismus der Lächerlichkeit preis und apelliert an seine Zeitgenossen, sich von den französischen Normen und Vorstellungen zu distanzie-ren, denn, wie es in seinem höchst aufrührerischen Vorwort heißt, der französische Einfluss konnte gar nicht demoralisierender sein.

Die Pioniere der afrikanischen Literatur sind englischsprachig. Von Thomas Mofolo erschienen von 1901 an drei Romane, die er in seiner Muttersprache, Lesuto, ver-fasst hatte und die später ins Englische übertragen wurden. Die beiden ersten Ro-mane "The Traveller on the East" und "Pitseng" waren wenig erfolgreich. Der Erfolg sollte sich 1925 mit dem Erscheinen seines dritten Romans "Tchaka" einstellen. Ein anderer englischsprachiger Autor, der Ghaner E. Casely Hayford, veröffentlichte 1911 einen Roman, der unter dem Titel "Ethiopia Unbound" ins Englische übersetzt wurde. 1943 erschien bei Arthur Stockwell in London der von R. E. Obeng in engli-scher Sprache verfasste Roman "Eighteen Pence". Anders als die französischspra-chigen Autoren blieben die englischsprachigen dem Christentum verpflichtet, auf dessen Einfluss sie die Befreiung ihres Bewusstseins zurückführten. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass ihre Werke von den Missionen veröffentlicht wurden, wo sie ihre Ausbildung erhielten. Oder zumindest mit deren Segen. In dieser Zeitspanne - es sind die dreißiger und vierziger Jahre - konsolidierte sich die Negritude zu einer geistigen Bewegung von überragender Geltung. Jean Paul Sartre schrieb das be-rühmte Vorwort "Orphee Noir" zu Senghors "Anthologie des poetes noirs". Doch auch die Rückkehr der Englischsprachigen auf die Literaturszene vollzog sich nicht ohne Aufsehen zu erregen. Mit "Ivrogne dans la brousse" frappierte der Nigerianer Amos Totuala die Kritik und die literarische Welt. In einem Englisch, das auf den ersten Blick als unvollkommen erschien, das sich aber bei einer genaueren Betrachtung als eine sehr originelle Sprache herausstellte, hat der Autor mit viel Scharfsinn und Er-findungsgabe Folklore der Yoruba in den Roman integriert, und es ist ihm gelungen, eine afrikanische Erzählung in einen Roman okzidentaler Prägung zu verwandeln, ein dichterisches Experiment, das bis heute einzigartig geblieben ist. Acht Jahre vor dem Erfolg eines Yambo Olonguem und Amadou Kourouma hat Totnola der Entwick-lung des schwarzafrikanischen Romans einen entscheidenden Impuls versetzt. 1958 erschien der Roman "Things Fall Apart" des Nigerianers Chinua Achebe, die subtile Infragestellung der traditionellen Welt, eine Thematik, die eine neue Richtung in der afrikanischen Literatur vorzeichnete. Chinua Achebe distanziert sich von der naiven Vision eines idyllischen Afrika, wie es die Negritude imaginierte, und beschreibt mit schonungsloser Offenheit die ruinöse Lage in den traditionellen Gesellschaften Unter dem Einfluss dieser klarsichtigen und mutigen Bewegung zogen die Schriftsteller der zweiten Generation die Bilanz über die afrikanische Realität, ihre regionalen, tribalen und ethnischen Gegebenheiten ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit. Die afrikanische Literatur der ersten Generation beginnt mit Rene Maran, dem Pionier der Negritude, und endet mit Chinua Achebe. Das Erscheinungsjahr von Achebes Erstlingswerk, 1958, ist auch das Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit, ein Ereig-nis, das eine neue Ära einleitet und zur Entstehung einer radikal neuen literarischen Bewegung führte.

Die Negritude: Katalysator des Nationalismus

Das Ziel der Negritude war die Rehabilitation der Werte der schwarzen Bevölkerung auf allen Kontinenten, die Forderung nach Menschenrechten und die Befreiung von jeglicher Art von Knechtschaft, Anliegen, die zu theoretisch und allgemein formuliert sind hinsichtlich einer Realität, die von der neuen Erfahrung der Unabhängigkeit ge-prägt war. Es wäre noch einmal zu überdenken, was Senghor mit der "Literatur der Volksschullehrer" meinte. Nachdenklich stimmt auch die rosarote Brille, durch die sie auf die Wirklichkeit blickte. Aus einer idyllischen und idealistischen Optik heraus konnten die brennenden Alltagsprobleme, die die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten mit sich gebracht hatten, nicht erfasst werden. Und die neuen afrikanischen Schriftsteller - ihre Zahl wurde immer größer - gingen dazu über, mit Luzidität, mit Härte und nicht selten auch mit Bitterkeit die Mängel ans Licht zu bringen, an denen die afrikanischen Nationen krankten - und das mit einer Schonungslosigkeit, die sie nicht selten Verfolgungen und dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit aussetzten.

1968 durchquerte die afrikanische Literatur die Wüste. Es war die Entstehungsphase der Protestliteratur, einer Literatur, die an den neuen afrikanischen Wertvorstellungen Kritik übte. Repräsentativ für diese Bewegung sind die Autoren Malick Fall mit dem Roman "La Plaie" (Senegal), Yambo Oloungmen mit "Le devoir de violence" (Mali) und Amadou Kourouma mit "Le Soleil des Independances" (Elfenbeinküste). In den drei Romanen werden die empörenden Missstände aufgezeigt, die die führenden afrikanischen Klassen in ihren Ländern überhandnehmen ließen: Inkompetenz in der öffentlichen Verwaltung, Korruption und Veruntreuung, Dirigismus und Despotismus, Mystifizierung, der Kult der Persönlichkeit, das Fehlen eines Berufsethos, fehlende Arbeitsmoral usw. In "La Plaie" wird geschildert, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen zu kämpfen haben, um sich in die neue Ordnung in den Nationalstaaten einzufügen; "Le Soleil des Independances" beleuchtet eines der dunkelsten Kapitel der "afrikanischen Realität; das uneingeschränkte Machtpotential der Einheitspartei; "Le devoir de violence" ist ein Gegenstück zu den Romanen der Negritude, die die vorkoloniale Zeit als eine Welt der Harmonie und der paradiesischen Glückseligkeit feierte. Ganz anders "Le devoir de violence", wo die alte Welt als krank und verdor-ben erscheint, eine Welt der Korruption und des Obskurantismus, ausgeübt von den privilegierten Klassen, den Potentaten, Zauberern, Sybariten, Marabuts, machtgieri-gen Höflingen - fast ein Spiegelbild der politischen Klassen in den afrikanischen Ge-sellschaften der Gegenwart. In diesem Zusammenhang darf Ayi Kwei Armah nicht unerwähnt bleiben, der im Roman "The Beautiful Ones are not yet Born" das pessi-mistische Bild einer Welt zeichnet, in der Fäulnis, Verwesung und Moder herrschen. Die ghanaische Gesellschaft aus der Zeit Nkruma wird mit fast klinischer Kälte und Präzision seziert, und die Analyse ergibt ein erschreckendes Bild. Ist Afrika, indem es die Unabhängigkeit erlangte, zu Dekadenz und Barbarei zurückgekehrt?

An den Richtlinien, die diese vier Schriftsteller legten, sollten sich fast alle Afrikaner der zweiten und dritten Generation orientieren. Es sind Schriftsteller, die an den zeit-genössischen afrikanischen Eliten schärfste Kritik üben. So etwa schildert der Sene-galese Sembene Ousmane in dem 1968 erschienenen Roman "Le mandat" die ob-skuren Praktiken der neuen afrikanischen Administration. Auch die Nigerianer Chinua Achebe und Wole Soyinka beziehen eindeutig Position gegen die neuen Regierun-gen nach der Unabhängigkeit. Den Kameruner Mango Betsi trieb seine spitze Feder sogar ins Exil. Die gleiche Problematik findet sich in den Werken der Kongolesen Guy Mengo, Henri Lopez, Sony Labou Tansi, Angesichts der Diversität der afrikani-schen Probleme versucht jeder Schriftsteller eine individuelle Optik zu entwickeln, aus der er seine Umwelt analysiert, was schließlich zur Entstehung der Nationallitera-turen und der literarischen Nationen führte

Nationalliteraturen und literarische Nationalitäten

Senegal wird mit gutem Recht als die Geburtsstätte der afrikanischen Literatur be-zeichnet. Und das ist kein Zufall. Senegal ist das Land der Zuflucht und des Exils. Zahlreiche Schriftsteller - u. a. die Haitianer Roger Dorsinville und Francois Biere - haben hier Aufnahme gefunden. Hier entstand 1920 der erste französischsprachige Roman: "Les trois volantes de Malick"; 1966 fand das erste Festival afrikanischer Künste in Dakar statt. Gemeinsam mit der Stiftung Ifan (Institut Francophone d'Afrique Noire) und dem CEC (Centre d'etudes des civilisations) entfaltet die Uni-versität von Dakar eine rege Aktivität. Und ebenfalls hier ist der Treffpunkt der Schriftsteller von Weltrang: Leopold Sedar Senghor (Mitglied der Akademie Fran-caise), der Romancier und Regisseur Sembene Ousmane, der Erzähler Birago Diop, der Schriftsteller des Schmerzes Cheik Amidou Khane ("L'aventure ambigue") und unzählige andere, nicht zuletzt auch die ersten Anhänger der Negritude Addoulaye Sadji ("Maimouna"), Soce Diop ("Karim, roman senegalais" und "Mirage de Paris").

Vielen Schriftstellern der ersten Generation ist es gelungen, die zweite Generation einzuholen und sich sogar der dritten zu nähern, wie etwa Sembene Ousmane, der der Zeit so erfolgreich die Stirn bietet und nach wie vor präsent ist in der Literatur-szene. 1980 und 1981 veröffentlichte er nacheinander "L'harmattan" und "Le dernier de l'empire". Einer der ersten Anhänger der Negritude ist Samine Diakate, der seine literarische Karriere mit dem Gedicht "La joie d'un continent" begann. 1955 erschien sein Theaterstück "Sarzan", 1963 "Primordial du 6e jour", 1974 "Nigeriannes" und der Essay Lectures libres" über Senhors "Lettres d'hivernages et d'hosties noires". Es folgte 1976 die Novelle "Prisonnier du regard", 1978 der Roman "Chalys d'Harlem" und 1984 "Le Sahelien de Lagos".

Birago Diop, der große Erzähler des Kontinents, wurde 1947 mit "Les contes d'Amadou Koumba" bekannt. 1958 erschien "Les nouveau contes d'Amadou Koum-ba", 1963 "Contes et Lavanes", 1977 "Contes d'Awa", 1976 schrieb er "Mor Lam", ein Schauspiel. Eine vierteilige Essay-Reihe begann er 1972 mit "La plume raboutie" und setzte sie mit "Der produktivste Schriftsteller der letzten Generation dürfte Cheikh A. Mdao sein. 1967 erschienen seine ersten drei Theaterstücke: das bekannteste ist "L'exil d'Albouri (suivi de) la decition". Es folgten zahlreiche Gedichte: 1970 "Moga-riennes", 1972-73 "L'Ile de Bahila" und "Buur Tillen", 1983 "Excellences vos epouses" und "Le Marabout de la Secheresse", 1985 "Du sang pour un trone".

Zu erwähnen sind auch Seyni Mbengue mit "Le Royaume de Sable", Cheik Badiane mit "Les longs soupirs de la nuit" und zwei andere erfolgreiche Schriftsteller: Mbeye Gana Kebe, Autor der Romane "Le decret" (1984), "Les indemnites" und "Kaola Sik-kim" (1975), des Theaterstücks "L'Afrique nue" (ebenfalls 1975) und der Gedichte "Ebeniques" und "Colombes et Rondes" (1979). Seine berühmte Erzählung "Le Blanc du Negre" erschien 1980. Abdou Anta Ka, ein vielseitig begabter und produktiver Au-tor, wurde 1972 als Verfasser der Stücke "Les Amazones", Gouverneurs de la Ro-see", "General Manuel Ho" und "Pinthioum Fau" bekannt. Später schrieb er Kinder-bücher - "La creation selon les noirs" und "La princess noire" (1979) - und zahlreiche theoretische Abhandlungen. Wie aus diesem Überblick zu ersehen ist, umfasst die senegalesische Literatur alle bekannten Genres. Doch darüber hinaus ist Senegal auch das Land, in dem die bedeutendsten philosophischen Werke entstanden; hier erschienen Cheik Anta Diops "Nations Negres et cultures" und "Civilisations ou Bar-baries"; "La pensee africaine" von Alassane Ndao und "Hegel, Marx, Engels et les problemes de l'Afrique noir" von A. A. Dieng.

Und es ist eines der wenigen afrikanischen Länder, in dem sich die Frauenliteratur erfolgreich durchsetzen konnte. Obwohl die Autorinnen der dritten Schriftstellergene-ration angehören, zeugen ihre Werke von einem hohen Grad an Maturität. Ihre Wer-ke fanden großen Anklang, und das über die Grenzen des Kontinents hinweg. Die wohl bekanntesten Autorinnen sind Mariama Ba ("Une si longue lettre" 1978; "Un chant ecarlate" 1982), Aminate Fall Sour ("La Greve des Battus" 1979, "L'appel des arenes" 1982), Catherine Ndiaye ("Les gens de sable", "Nafissatou Diallo", "Le Fort Maudit", De Tilene au Plateau", "Une enfance dakaroise" 1984).

Die Qualität einer Literatur ist stets abhängig von der Qualität der Verlage. Zwar wer-den viele Bücher senegalesischer Autoren in Frankreich verlegt, dennoch spielt die Nouvelles Editions Africaines (NEA) eine bedeutende Rolle für die literarische Pro-duktion. Ihre Stellung innerhalb Afrikas ist einmalig. Neben den anderen großen Ver-lagen - Sankore und Clairafrique in Dakar - ist vor allem die L. S. Senghor-Stiftung, die nicht nur die Revues Ethiopiques herausgibt, eine historische Fachzeitschrift, sondern die afrikanische Literatur durch die alljährliche Verleihung des Senghor-Preises an afrikanische Autoren fördert.

Nigeria - literarische Nation

Nigeria fällt durch die Fülle neuer Nationalliteraturen auf. Die literarische Vielfalt ist auf die sprachliche Vielfalt zurückzuführen, auf die Sprachen, die seit langer Zeit zu den Schriftsprachen gehören. Es ist eine reiche Literatur in Yoruba, Haussa, Ibo usw. vorhanden. Hinzu kommt das freiwillig übernommene Englisch. Es ist verständlich, dass die stark bevölkerten Länder Afrikas eine gewisse Vorrangstellung einnehmen; dass sie nicht nur über eine quantitativ reiche Literatur von hoher Qualität verfügen. Der erste afrikanische Nobelpreisträger ist Wole Soyinka, ein Nigerianer. Auch die Pressefreiheit, die im Land herrscht, kann den hohen kulturellen Ansprüchen nur dienlich sein. Literatur wird in verschiedenen Sprachen geschrieben, wobei bei-spielsweise ein in Yoruba verfasstes Werk einem Ibo oder Haussa nicht zugänglich ist und umgekehrt, so dass nicht von einer nigerianischen Literatur gesprochen wer-den kann, sondern von nigerianischen Literaturen, die alle zusammen eine Literatur-nation bilden.

Die Vielsprachigkeit ist von entscheidendem Einfluss auf die Literatur, wobei das Englische die Sprache ist, auf die sich die gesamte literarische Produktion stützt. Das Vorhandensein der vielen Sprachgruppen unterscheidet Nigeria von den anderen afrikanischen Ländern. Die literarische Bewegung in Nigeria hat eine originelle Ent-wicklung durchgemacht, die sich von den einheimischen Sprachen jedoch in stei-gendem Maße abwendet. Am besten lässt sich dieser Trend am Beispiel der Regio-alliteratur von Ouitsha illustrieren, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Ouitsha, eine größere Stadt an der Ibo-Region, wurde während des Biafra-krieges zerstört. Sie gewann an Attraktivität für die Landflüchtigen, deren Zustrom eine Reihe von typischen Phänomenen entstehen ließ: Urbanisierung, neue ökonomische Be-dürfnisse, der Drang, dem Status als Bürger Nigerias eine gewisse Würde zu verlei-hen, das berauschende Gefühl der Unabhängigkeit, das den nationalen Gedanken näherte und damit im Zusammenhang der Wunsch vieler Schriftsteller nach nationa-ler Geltung. Eine neue literarische Bewusstheit, die sich mit der historischen Entwick-lung, den veränderten Lebensbedingungen in dieser neuen Kulturlandschaft ausei-nandersetzte, wurde notwendig. Junge Nigerianer, gerade erst alphabetisiert, ge-prägt vom städtischen Milieu, griffen einfache Geschichten mit viel Lokalkolorit auf und verarbeiteten auf höchst originelle Weise typisch nigerianische Sujets. Es ent-stand eine sehr lebendige und produktive literarische Bewegung; bis die Zerstörung Ouitshas während des Bürgerkrieges erschienen etwa 400 Titel. Bereits 1963 wies der Ibo Domatien Murago in einem Artikel in der "Sensation" auf 200 Titel hin. Diese Literatur umfasste alle möglichen Kategorien von der praktischen Lebensberatung über den politischen Essay bis hin zu Biographien von afrikanischen Reihen dieser spontanen Berühmtheiten. Aus den Reihen dieser spontanen Literatur ging auch Cy-prian Akurensi hervor, der berühmte Schilderer des städtischen Lebens. Er schrieb u. a. - er ist ein ausgesprochen produktiver Autor - "Jagua Mana", People of the City", "Iska" usw. Die Literatur Ouitshas präsentiert ein städtisches Universum in neorealistischer Manier und im Feuilleton-Stil, ein Universum, das von Gewalt ge-zeichnet ist, von Sex, Brutalität und Intrige, der Mystifizierung und Glorifizierung der afrikanischen Frau - Themen von marginaler Bedeutung für den afrikanischen Ro-man, doch verständlich, bedenkt man das kulturelle Niveau, verständlich auch ihr didaktischer Hintergrund.

Die nigerianischen Schriftsprachen haben eine lange Tradition. Die umfangreiche ethnische Literatur wendet sich nicht nur an ein lokales Publikum. Sondern übt einen beträchtlichen Einfluss auf die gesamte Literatur des Landes aus. Fnugunwa, einer der bekanntesten nigerianischen Autoren, schreibt in Yoruba. Es ist kein Zufall, dass die drei großen Schriftsteller des Landes auch verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Chinua Achebe ist dem Einfluss des Ibo verpflichtet, Totuola und Wole Soyinka dem Einfluss des Yoruba.

Amos Totuola ist ein verwirrender Autor, ein souveräner Erzähler, mit dessen eigen-williger Technik sich unzählige wissenschaftliche und kritische Arbeiten abmühen. Obwohl Totuola eindeutig der mündlichen afrikanischen Tradition verpflichtet ist, mu-ten seine Mythen und Archetypen surrealistisch an. Seine Literatur ist genuin afrika-nisch, frei von jeglicher okzidentalen Entwicklung. "L'ivrogue dans la brousse" und "My life in the Bush of the Ghost" tragen das unverwechselbare Signum afrikanischer Provenienz.

Chinua Achebe thematisiert in seinen Romanen "Le monde s'effoudre" (sein bestes Werk, das Werk auch, mit dem er den Durchbruch schaffte) und "La Fleche de Dieu" den brutalen Zusammenprall zweier völlig entgegensetzten Welten: Abendland und Afrika. Die Verwirrung und Unsicherheit, verursacht durch das Eindringen schädlicher abendländischer Vorstellungen, ist ein Thema, mit dem sich die afrikanische Literatur konstant auseinandersetzt. Die kulturelle Entfremdung ist auch heute noch ein Prob-lem von brennender Aktualität. Nach diesen beiden Werken über den Zerfall der tra-ditionellen Gesellschaften und die forcierte Öffnung Afrikas für den Kolonialismus schrieb Achebe einen Roman, in dem er die Entwicklung des unabhängigen Afrika schildert: "The Man of the People". In "Le demagogue" klagt er die neue degenerierte Gesellschaft an. Und in seinem letzten Essay "The Trouble of Nigeria" fordert er alle Mitbürger (warum nicht aller Afrikaner?) zu einer ernsthaften Selbstkritik auf.

Wole Soyinka ist in allen literarischen Genres bewandert, in Epik, Lyrik und Dramatik. Die bemerkenswerte Qualität seiner literarischen Produktion wurde mit dem Nobel-preis für Literatur anerkannt. Der engagierte Verteidiger der Demokratie will durch Kritik und Aufklärung zur Verbesserung der Verhältnisse in den neuen afrikanischen Gesellschaften beitragen und speziell der Verhältnisse in seinem Land. Seine scho-nungslose Kritik, sein Hang zu Satire und Ironie brachten im zwei Jahre harter Ge-fängnisstrafe während des Bürgerkrieges ein. Der Tenor seiner Werke ist geprägt von Unbehagen, Bitterkeit und Ekel, aber auch unerbittlicher Kritik an der Dekadenz und Verderbtheit aller gesellschaftlichen Schichten. Alle seine Werke zeugen von einem unbeugsamen Engagement, angefangen von "A dance of the Forest" und "Kongui Harvest" über "The Interpreters", "Madmen and Specialists" bis hin zu "The Trial of Brothers Jero" und seiner Autobiographie "Ake, die Jahre der Kindheit". Soy-inka konfrontiert die künstlerische und intellektuelle Sensibilität mit der Brutalität, die heute den Kontinent vergiftet. Wenn die wache Sensibilität vernichtet wird, bedeutet das nicht nur das Auslöschen der afrikanischen Werte, sondern den Sturz der gan-zen Welt in eine unvorstellbare Bestialität.

Obskurantismus, Autoritarimus, Totalitarismus, das Los aller afrikanischen Länder, fordern die Schriftsteller immer wieder zur Stellungnahme heraus. Nigeria machte eine ganz besondere Entwicklung durch, mit einem historischen Wendepunkt im Bürgerkrieg. Diese unglückliche Episode hat nichts an Aktualität eingebüßt und ist nach wie vor ein Problem, das aus der Literatur nicht wegzudenken ist. Ein literari-scher Niederschlag findet sich in den Romanen "Girls at War" von Chinua Achebe", The Broken Bridge" vo Alade, "Sunset in Biafra" von Elechi Amadi, "The Combat" und A Wreath for Maidens" von Kole Omotosho und Jonh Munonye. Wole Soyinka nahm sich ebenfalls des Themas an, was er mit einer Gefängnisstrafe zu büßen hatte. Im allgemeinen zeichnet sich die Kriegsliteratur durch seine wirklichkeitsgetreue Darstel-lung aus. Ihr Realismus machte Schule. Die Schriftsteller der letzten Jahrzehnte wandten sich ab von den didaktischen Ansprüchen ihrer Vorgänger und begannen zunehmend, sich mit den gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Fragen auseinanderzusetzen, die ihre Gesellschaft aushöhlen. Wenn sie den Alltag schil-dern, die Entwicklung ihrer Länder, wiederholen sie nicht nur die Objektivität und Kaltblütigkeit ihrer Vorgänger - beispielsweise Soyinkas - sondern zeichnen sich durch eine gesteigerte Int3llektualität aus. Die Romane Isidore Openohos und Nkem Nwankwos sind repräsentativ für die kalte und luzide Kritik an einer Welt, die sich unaufhaltsam auf unmenschliche und künstliche Werte zubewegt. "Violence, the Vic-tim and Past Duty" und My Mercedes is Bigger than Yours" schildern den Klassen-kampf zwischen den Neureichen und den Ausgebeuteten und Enteigneten.

Eine andere Tendenz, die sich in der gesamten afrikanischen Literatur bemerkbar macht, ist der Radikalismus: ihm dient die Literatur als Waffe im Klassenkampf. Die-se Literatur will das gesellschaftliche System durch einen Bewusstseinswandel der jungen Generation ändern. Die jungen Menschen sollen dazu bewegt werden, gegen die Dekadenz und für die permanente Revolution zu kämpfen. Femi Osofisan und Kole Omokosho sind leidenschaftlich engagiert in dieser ideologischen Tendenz.

Womanism

Die Frauenliteratur, aktiv und engagiert, ist auf der Suche nach einem emanzipatori-schen Weg. Emanzipation und die volle Eingliederung der Frauen in die Gesellschaft ist das zentrale Anliegen aller Autorinnen. Das ist nur möglich durch die Befreiung von den Lasten, die ihre Entwicklung lähmen: Polygamie, Mitgiftpraktiken, erzwunge-ne und viel zu frühe Ehe, Exzision (ein schamloses und grausames Vorgehen). Flora Nwapa und Buchi Emecheta arbeiten ich ihren Romanen Modelle der Befreiung aus. Die Frauen in ihren Romanen haben den Zwängen und Vorurteilen einer traditionell phallokratischen Gesellschaft den Kampf angesagt. Auf den zähen Kampf der schreibenden Frauen lasen allein schon Titel wie "Double Going", Citoyen de secon-de classe", "La dot et fille esclave" schließen. Die afrikanische Frauenliteratur ist nicht feministisch im europäischen Sinne. Mehr noch als ihre Befreiung und soziale Gleichheit will die afrikanische Frau Respekt und die Anerkennung als wertvolles Mitglied der Gesellschaft, was ihr so lange verwehrt sein wird, als sie feudalistischen Zwängen und überlieferten Vorurteilen unterworfen ist. Diese Tendenz, die das Recht auf Würde als afrikanische Frau beansprucht, grenzt sich als Womanism vom Femi-nismus ab

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