Literatur

Die Strömungen und Gegenströmungen der schwarzafrikanischen Literatur haben ein so hohes Maß an Komplexität erreicht, dass sie fünfzig Jahre zuvor gültigen Beg-riffe wie "schwarze Literatur" oder "Literatur der schwarzen Welt" als Anachronismus erscheinen müssen. Es ist nicht mehr angemessen, von der afrikanischen Literatur zu sprechen, als wäre sie ein monolithischer Block. Die Entstehung von Nationallite-raturen und nationalen Identitäten hatte auch eine differenzierte Betrachtungsweise des Phänomens Literatur zur Folge, handelt es sich doch um kein einheitliches Gan-zes, sondern um eine durch die verschiedensten Ursachen bedingte Vielfalt. Zu dem Zeitpunkt, als die nationale Frage ihren Höhepunkt erreichte und jede Region, jedes Land seine spezifische Realität schuf, war es nicht mehr angebracht, von der Exis-tenz einer einzigen afrikanischen Literatur auszugehen. Gerade das fieberhafte Stre-ben nach einer nationalen Identität und Kultur macht deutlich, wie schwierig eine Ori-entierung in den verschiedenen kulturellen Epochen, Völkern, Gesellschaften, Öko-nomien und vor allen Ideologien ist. Die von jedem einzelnen Staat getroffene politi-sche Entscheidung ist ein weiterer Faktor, den es zu berücksichtigen gilt.

Das literarische Mosaik südlich der Sahara widerspiegelt die Geschichte des Konti-nents. In der vorkolonialen Zeit existierten in den Sahara- und Savannengebieten mächtige Königreiche wie das Königreich von Mali, Ghana, das Kaiserreich von Sou-rai. Die Völkervermischung, die unter ihnen zustande kam, legte seit dem afrikani-schen Mittelalter den Grundstein für eine spezifische Kultur. Die Länder in den Wald-gebieten bzw. Königreichen wie beispielsweise Kongo machten eine andere, wenn nicht gar entgegengesetzte Entwicklung durch, was schließlich zu den großen kultu-rellen Unterschieden von einer Region zur anderen führte. Später unternahmen die Kolonialherren den Versuch, die kulturelle Diversität zu vereinheitlichen, was ihnen nur zum Teil gelingen sollte. Die in Jahrtausenden gewachsenen Traditionen waren nicht so einfach zu nivellieren oder gar auszulöschen. Alle afrikanischen Regionen, sogar die Regionen innerhalb eines Landes, verfügen über eigene Kulturformen un-terschiedlicher, oft sogar divergierender Prägung. Gegenwärtig versucht jedes Land, seine kulturellen und nationalen Werte zu pflegen und seine Eigenständigkeit gegen-über den benachbarten Kulturen zu wahren. Wenngleich der Wunsch nach nationaler Einheit, der Kampf gegen die Unterentwicklung und die verschiedenen Krisen ein gemeinsamer ist, tendiert doch jede Nation dazu, ihre Probleme auf ihre Weise zu lösen. Angesichts der kulturellen Vielfalt wäre es widersinnig, von einer einzigen ho-mogenen afrikanischen Literatur zu sprechen. Afrika hat viele Literaturen, die sich von Land zu Land, von einem kulturellen Gebiet zum anderen unterscheiden. Ob-wohl die Afrikaner die drei von den Kolonialmächten hinterlassenen Sprachen ver-wenden: Französisch, Englisch und Portugiesisch büßt die in diesen Sprachen ge-schriebene Literatur nichts an Spezifität ein. Kongo und Zaire sind französischspra-chige Nachbarländer. Und dennoch: ließt man Werke von Sony Labou Tansi oder Henri Lopez aus Kongo Brazzaville und Werke von Mudembe und NGal aus Kongo-Kinshasa entdeckt man einen Bruch, zwei Realitäten, die sich nicht decken. Die Geographie spielt keine geringe Rolle: quer durch Afrika werden die Schriftsteller mit verschiedenen Realitäten konfrontiert. Es ist selbstverständlich einfacher, konform dem konventionellen Schema zu denken demzufolge die afrikanische Literatur - ihre Varianten werden dabei nicht zur Kenntnis genommen - uniform ist mit dem immer gleichen strukturellen Mustern, den ewig wiederkehrenden Themen, Problemen und Intrigen und einer zu einfachen Lösung, die nicht, wie es sich gehört, auf eine raffi-niert gesteigerte Verwicklung folgt. Und wie sollte es auch anders sein in einer Litera-tur, die in so hohem Maße abhängig ist von den traditionellen Mustern? Doch abge-sehen von der unleugbaren Präsenz (und Permanenz) der traditionellen Werte: die afrikanische Literatur bildet sich in dem jeweiligen geographisch-nationalen Raum, sowohl in der Wahl der Formen als auch der Inhalte und Sprachen. In den sechziger Jahren befand sich Afrika in einem historischen Prozess, der in mancherlei Hinsicht an die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert erinnert: es war die Zeit der Entste-hung der Nationalstaaten. Das Bewusstsein der Afrikaner, am gemeinsamen Fort-schritt zur Errichtung der Nation teilzuhaben, kam in einem überschwenglichen Ge-fühl der nationalen Identität, des neuen Selbstverständnisses als Bürger zum Aus-druck, die sich nunmehr alle als zu einem gemeinsamen Gebiet zugehörig betrachten konnten - was auch eine Abschwächung des Tribalismus bedeutete - , an einer ge-meinsamen Kultur, Sprache, Religion und historischen Tradition teilzuhaben. Und die Literatur, als vermittelnde Instanz für Ideologien, wird folglich als Grundstein des Na-tionalismus betrachtet. Zur Festigung der spirituellen Werte legten die neuen Natio-nalstaaten großes Gewicht auf die Literatur wie auch auf die Verwertung des kulturel-len Vermächtnisses überhaupt. Weil das Bewusstsein und die Lebensfähigkeit einer Nation von ihrem kulturellen Erbe abhängt, den gemeinsamen Erinnerungen und dem gemeinsamen Wunsch, als Nation vereinigt zu leben, wurde diesem Bereich eine große Bedeutung beigemessen. Das war auch der Anfang der Nationalliteratu-ren. Sie entstanden in der politischen Diskussion und entfernten sich allmählich von der schwarzafrikanischen Bewegung, vom Panafrikanismus, verkörpert in der Negri-tude. Die lokalen Gegebenheiten in den Nationalstaaten bewirkten das Entstehen eines starken Nationalbewusstseins, so dass mit der Zeit bei den afrikanischen Bür-gern das Gefühl entstand, zuerst einer bestimmten Nation anzugehören und nur in zweiter Linie Afrikaner zu sein. Und natürlich sind die Schriftsteller nicht nur das Pro-dukt einer Sprache und einer Kultur, sondern tragen kreativ zur Gestaltung der Wirk-lichkeit und zum Erwachen des Nationalgefühls bei. Der Begriff, mit dem die afrikani-sche Literatur als eine undifferenzierte homogene Masse bezeichnet wird, hat sich der Einfachheit halber durchgesetzt, die Praxis hingegen stellt ihn ständig in Frage. Obwohl jeder Nationalstaat mit dem gleichen Phänomen konfrontiert wird, variiert die Einstellung dazu von Land zu Land. So trifft man überall auf den Traum von einer sprachlichen, ethnischen und politischen Einheit, seine Umsetzung in die Tat jedoch geschieht im Einklang mit den nationalen und kulturellen Gegebenheiten. Und nicht zuletzt trägt die Existenz der Nationalsprachen zur Begeisterung für die nationalen Modelle bei. Die Unterdrückung, ja Erstickung der geistigen Werte führt immer wieder zu Manifestationen des Widerstands, die gewaltlos beginnen, in dem Fall aber, in dem die Krise nicht durch einen klugen Kompromiss gelöst wird, in einen feindlichen Zusammenstoß münden. Die afrikanische Literatur ist aus dem Kampf zweier Kultu-ren hervorgegangen: die eine, die europäische, ist dominant und destruktiv, die an-dere unterjocht, verachtet, dem Untergang geweiht. Aus ihrer Geringschätzung der afrikanischen Werte haben die Europäer, allen voran die Franzosen, nie ein Hehl gemacht. Sie versuchten, die kolonialisierten Afrikaner zu einem leicht formbaren Spielzeug herabzuwürdigen, von dem man meinte, es aufgrund seiner angeblichen Kulturlosigkeit leicht nach eigenen Vorstellungen modellieren zu können. Jedoch die Assimilierung, die das Auslöschen der Persönlichkeit der Kolonialisierten bezweckte, stieß ganz im Gegenteil auf eine vehemente Verteidigung der traditionellen Werte. Die Revolte gegen den kolonialen Nihilismus führte zur Entstehung der Negritude, der erste kohärenten und konzentrierten "Manifestation des Widerstandes gegen die europäische Kulturdiktatur. Schwarze Studenten aller Kontinente, mit einem ähnli-chen französischsprachigen kulturellen Hintergrund und einem intellektuellen Werde-gang, der an Paris gebunden war, kamen zusammen auf der Basis der gemeinsa-men kulturellen Forderung und gründeten eine epochemachende Bewegung: die Negritude. Das Ziel der Bewegung war die Anerkennung und Durchsetzung der Wer-te aller Schwarzen von allen Kontinenten. Um das Programm der Negritude an die Öffentlichkeit zu bringen und um ihre Thesen zu erhärten, gründeten ihre Initiatoren Leopold Sedar Senghor, Aime Cesaire und Louis Gontrau Damas die Zeitschrift "L'Etudiant Noir". Bald darauf traten die drei Schriftsteller mit bedeutenden Werken an die Öffentlichkeit: Cesaire mit "Cahier d'un retour au pays natal", Damas mit "Pig-ments" und Senghor mit "Anthologie de las poesie negre". Die Konzeption, die den Anfängen der Bewegung zugrunde lag, war die Aufforderung an die Afrikaner, sich mit ihrem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen, und gleichzeitig verstand sie sich als Schutzwall gegen die heimtückische Aggressivität der abendländischen Kultur.

 

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