Die Kunst eines Kontinents

Unter dem Motto „Afrika, die Kunst eines Kontinents„ fand im Jahr 1995 in Zusammenarbeit mit der Royal Academy of Arts von London und der Zeitgeistgesellschaft e.V. eine Ausstellung in Berlin statt, die zuvor 4 Monate lang in London große Erfolge verbuchen konnte. Mit über 250.000 Besuchern war dies eine der erfolgreichsten Ausstellungen der letzten Jahre in Europa.

Die Presse, unter anderem die Zeitung Indepent titelte „Dies könnte die beste Ausstellung sein, die man je gesehen hat„, während die Financial Time schrieb: Diese Ausstellung wird Afrika in einem anderen Blickfeld erscheinen lassen.

Die Ausstellung „Die Kunst eines Kontinents„ hat den Besuchern deutlich die Jahrtausende alte Kultur des afrikanischen Kontinents, seine Vielfalt und Komplexität seiner Kunst gezeigt. Die ältesten Werke handeln vom Beginn der Menschheit, während sich die jüngsten Kunstobjekte auf den Beginn dieses Jahrhunderts beziehen.

Mit annähernd 800 Leihgaben aus verschiedenen Museen und Sammlungen aus der ganzen Welt wurde dies die umfangreichste Ausstellung über die Kunst des afrikanischen Kontinents.

Warum Kunst?

Nach wie vor wird das Land und seine Kulturen geprägt von Vorurteilen und Ignoranz. Während die Kultur Altägyptens und Nubien dem Mittelmeerraum zugeordnet wird und in den Kunstmuseen der Welt zu finden ist, betrachtet man die Kunst Afrikas südlich der Sahara bis heute vorwiegend aus ethnographischen Gesichtspunkten. So stammen viele Gegenstände dieser Ausstellung, soweit sie nicht aus Privatsammlungen zur Verfügung gestellt wurden, aus Völkerkundemuseen. Durch Äußerungen wie primitive Kunst oder Stammeskunst wird die Kunst nicht gebührend gewürdigt. Daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass die europäische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die afrikanische Kunst und ihre universelle Sprache für sich entdeckte. Beispiele für die bewusste Zurücksetzung der künstlerischen Entwicklung in Afrika südlich der Sahara finden sich genug. So wurde bewusst ein späteres Datum auf den Ifé- und Beninbronzen angegeben, als sie in Wirklichkeit entstanden sind, obwohl sie zeitgleich oder sogar vor der europäischen Renaissance stammen. Dagegen wurde in der Ausstellung „Afrika - die Kunst eines Kontinents„, der Begriff Kunst ganz bewusst hervorgehoben. Mit dieser Ausstellung wollte man erreichen, dass die afrikanische Kultur genauso wie die sogenannte westliche Hochkultur gewürdigt wird.

Die Ausstellung in Berlin wurde in sieben geographische Zeitzonen eingeteilt.

Aus dem Niltal gingen die beiden großen Kulturen des antiken Ägypten und Nubien hervor. In der Ausstellung konnte man erstmals Verbindungen zwischen dem antiken Ägypten und subsaharischen Afrika entdecken. Gemeinsamkeiten zeigten sich im Totenkult der Spätzeit Altägyptens, als Priester in der Rolle des Totengeleiters Anubismasken des Schakalgottes trugen - eine subsaharische afrikanische Tradition. Eine andere Gemeinsamkeit besteht aus der Verwendung des Querbeils, das heute noch von Schnitzern in Afrika benutzt wird. Das Beil ist bereits im Grabrelief (1.200 v. Chr.) aus der 19. Dynastie dargestellt.
Die Kulturen Nubiens waren Mittler zwischen dem inneren Afrika und Altägypten. Die Verschmelzung der Kulturen zeigt sich insbesondere in dem Goldschatz einer meroitischen Königin: Die Ikonographie ist ägyptisch, die Technik hellenistisch, die Schmuckformen enthalten ein starkes afrikanisches Element.

Ostafrika

Diese Region, die sich vom heutigen Äthiopien bis ins nördliche Mosambik erstreckt, und zu der auch die vorgelagerten Inseln Sansibar und Madagaskar gehören, wurde in der Forschung und Darstellung afrikanischer Kunst lange vernachlässigt. Mit den Handkreuzen aus Äthiopien, den reich verzierten Swahili-Türen der Küstenregion, den Grabpfosten aus Kenia und den Skulpturen der Vezo aus Madagaskar belegt diese Ausstellung die kulturhistorische Bedeutung Ostafrikas.

Südliches Afrika

Aus diesem Teil des Kontinents stammen einige der ältesten Zeugnisse der Menschheit. Um so erstaunlicher ist es, dass auch die Kunst dieser Region bislang keine große Bedeutung bei kultur-historischen Untersuchungen hatte. Die ausgestellten Fragmente bemalter Felsen aus Namibia werden aus 27.500 v. Chr. datiert und repräsentieren die ältesten und bekanntesten Felsmalereien Afrikas. Sie wurden bei Ausgrabungen in der Apollo-11-Höhle gefunden und waren zum ersten Mal in Europa ausgestellt. Von hoher künstlerischer Gestaltungskraft bezeugen die Felsmalereien der San, die in einem Zeitraum von 5000 v. Chr. bis zum 18./19. Jahrhundert entstanden sind. Einige Werke, darunter der „Coldstream Stone„ zählen zu den ältesten Arbeiten einer Kunst. Zum letzten Mal wurden die Lydenburg-Köpfe außerhalb Südafrikas gezeigt. Sie gehören zu den frühesten Beispielen der Skulpturen im südlichen Afrika und stammen aus dem
6. - 7. Jahrhundert n. Chr.

Zentral-Afrika

Berühmt sind in den zentralafrikanischen Ländern die Nagelfiguren. Sie gehören zu den als „Minkisi„ bezeichneten Figuren, die in dieser Region sehr verbreitet sind. Man glaubt, dass die „Minkisi„ über eine besondere Kraft verfügen, mit der sie für Recht und Ordnung sorgen und Übeltäter abwenden können. Bei den machtvollen Nagelfiguren aus dem demokratischen Kongo und aus der Republik Kongo (Brazzaville), die in der Ausstellung zu sehen waren, z. B. durch einen doppelköpfigen Hund, wurde mit jedem eingeschlagenen Nagel, die den Figuren innewohnende Kraft mobilisiert.

Unverwechselbar in ihrer Gestaltung sind die Figuren und Masken der Chokwe aus Angola, die einen zentralen Platz in der Kunstgeschichte Afrikas einnehmen. In „Afrika - Die Kunst eines Kontinents“ belegen die beiden Holzskulpturen, von denen eine den Kulturheros Chibinda Ilunga darstellt, die ungewöhnliche Kraft der Chokwe-Künstler.

Auch die Ahnenfiguren der Luba, Hemba und Tabwa zählen zu den herausragenden Kunstwerken Afrikas. Trotz unübersehbarer Unterschiede strahlen beide Figuren Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Bei dem Versuch, in den Skulpturen eine Balance der Widersprüche herzustellen, zeigt sich aber ein gemeinsames ästhetisches Prinzip der afrikanischen Kunst. So verbinden die Ahnenfiguren der Hemba beispielsweise durch ihre strenge und distanzierte Mimik einerseits und ihre menschliche Gestik andererseits in sich Leben und Tod. Tod und Fruchtbarkeit als zentrale Themen der afrikanischen Kunst bringen den Wunsch nach Frieden und Fortbestand der Gemeinschaft zum Ausdruck.

Westafrika und Guineaküste

Diese Region kann auf eine außerordentliche Kunst- und Kulturgeschichte zurückblicken. Bei den Fürstentümern und Königreichen Kameruns, dem Staatswesen von Benin sowie der Ifé-Kultur in Nigeria hatten die Kunstwerke bereits zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert eine große Bedeutung. Die Ifé-Figuren gelten wegen ihres idealisierten Naturalismus und der vollendeten Gusstechnik als einmalig in Afrika. Die Benin-Bronzen aus dem 12. bis 16. Jahrhundert wurden von Künstlern, die in Gilden organisiert waren, im Auftrag des Königs gegossen. Skulpturen wie „die Königinmutter“ aus Benin waren Glanzstücke der Ausstellung.

Sahel und Savanne

Sahel, die südlichen Randgebiete der Sahara, sind seit Jahrhunderten wirtschaftliches und kulturelles Bindeglied zwischen den islamischen Kulturzentren Nordafrikas und den afrikanischen Staaten. Die Geschichte des Sahels bezeichnet den Aufstieg und Fall zahlreicher berühmter Königreiche wie Ghana und Mali und bedeutender Staaten wie Haussa und Bornu. Eine lange künstlerische Tradition weisen die Dogon aus Mali auf. Noch bevor die europäische Kunst mit dem Beginn der „Moderne“ dem Wesen der Dinge durch Abstraktion und Stilisierung auf den Grund zu kommen suchte, befand sich in den Skulpturen der Dogon die Bedeutung dieser Kunst. Auf einem flachen Holzstück sind die menschlichen Formen unverkennbar, auch wenn die Figuren stark verkleinert dargestellt sind. Auf dem Holzstück ragen Hände und Arme in die Höhe. Der Kopf ohne Gesicht symbolisiert die Weisheit. Die angedeuteten Genitalien bedeuten Zeugungskraft und Kontinuität. Die ausgestreckte Figur fleht um Regen. Zugleich bedeutet sie Brücke und Verbindungslinie zwischen Himmel und Erde.

Nordafrika

Mit Nordafrika neigte sich die Ausstellung dem Ende zu.
Die Kunst aus der Region Nordafrikas wurde durch die Phönizier, welche Karthago zum Zentrum der punischen Kunst machten, geprägt. Davon zeugen die Terrakotta-Masken aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., die einen Kontext zu Afrika, südlich der Sahara, herstellen. Mit der Zerstörung Karthagos durch die Römer begann die Verbreitung der spätantiken Kultur in Nordafrika. Die Kunstwerke der Kopten zeigen ihre tiefe Verwurzelung in der ägyptischen Geschichte. Sie verbinden frühchristliche Motive und Symbole aus pharaonischer Zeit. Die prägende Kraft des Islam, der im 7. Jahrhundert nach Chr. seinen Einzug hielt und im Mittelalter Kairo zum religiösen Zentrum machte, vermittelt uns in dem überwältigen hölzernen Minbar einen Einblick über die Elfenbeinintarsien aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.

 

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