Historische Entwicklung

Die Entstehung der Negritude geht auf das Jahr 1938 zurück Wenngleich ihre Be-deutung nicht genug hervorgehoben werden kann, heißt das nicht, dass es vor die-sem Zeitpunkt keine literarische Bewegung gegeben hätte. Die Negritude hatte Vor-läufer, doch ihr sollte es erstmals gelingen, den geistigen Elan zu konzentrieren, um die Invasion der sich überlegen dünkenden, in ihren Augen jedoch falschen Werten der abendländischen Zivilisation aufzuhalten. Ihrem Selbstverständnis nach war die Negritude die Konzentration der Hoffnungen aller kolonialisierten und unterdrückten schwarzen Menschen, seine Aufklärung und Sensibilisierung als notwendige Voraus-setzung, um die Assimilation durch den Kolonialismus entgegenwirken zu können, wobei das Entstehen eines historischen Bewusstseins - als Auseinandersetzung mit der Ausbeutung und dem Rassismus in Nordamerika und Südafrika, mit der beinahe verlorengegangenen Größe der Rasse - aus einer humanistischen Perspektive anvi-siert wurde. Diese Probleme waren bereits vor der Négritude von den Afrikanern er-kannt und aufgegriffen worden, ohne erschöpfend behandelt worden zu sein. So ließ das Rassenbewusstsein in Südafrika bereits 1906 literarische Werke entstehen, wie etwa die Romane von Thomas Mofolo, die er in seiner Muttersprache verfasste, von denen der bekannteste Roman "Tchaka" ins Englische übersetzt wurde. Überall in Afrika machte sich in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen ein literarischer Aufbruch bemerkbar: 1920 der nicht zu überhörende Aufschrei des senegalesischen Romanciers Amadou Mapate Diagne mit "Les trois volontes de Malick"; 1929 schrieb der Togolese Felix Conchoro "L'esclave", 1937 trat Ousmane Soce mit "Mirage des Paris", an die Öffentlichkeit, 1948 mit "Karim"; 1935 erschien der Roman "Dognicimi" von Paul Hatovme. Einige dieser Bücher huldigten dem Kolonialismus ("Karim", "Mi-rage des Paris"; "Les trois volones de Malick"), eine Einstellung, die sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend ändern sollte, als überall das nationale Bewusstsein erwachte. Damals vertraute Conchoro seine Werke der "Depeche Afri-caine" an, damals schrieb Bernard Dadie seine ersten Essays für "Le Reveil et la Democrate", ein Organ des RDA, Sektion Elfenbeinküste. Später sollte das zentra-lafrianische Presseorgan "Liaison" eine Autorengruppe vorstellen, u. a. Jean Malon-ga und Sylvain Mbemba. In Nigeria folgte das Magazin "Black Orpheus" dem Beispiel seiner französischsprachigen Vorläufer und fang zunächst einen starken Anklang bei den französischsprachigen Schriftstellern.

Doch zurück zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, speziell zum Jahre 1921, als das Erscheinen eines bedeutenden Romans von sich reden machte. Es handelte sich um "Botouala", ein authentisches afrikanisches Werk, für das sein Autor Rene Maran mit dem Prix Concourt ausgezeichnet wurde. Das Buch war als ein Gegenge-wicht zu den ethnozentrischen Werken der französischsprachigen Autoren intendiert. Der Roman ergriff eindeutig Partei für die Unterdrückten und war eine kühne Provo-kation an die Adresse der Kolonialmächte. Erstmalig werden die kolonialisierten Völ-ker mit ihrer eigenen Sensibilität, ihrer Zivilisation und ihren kulturellen Werten dar-gestellt, Werte, die die Kolonialherren mit Füßen getreten hatten. Rene Maran gibt den abendländischen Ethonzentrismus der Lächerlichkeit preis und apelliert an seine Zeitgenossen, sich von den französischen Normen und Vorstellungen zu distanzie-ren, denn, wie es in seinem höchst aufrührerischen Vorwort heißt, der französische Einfluss konnte gar nicht demoralisierender sein.

Die Pioniere der afrikanischen Literatur sind englischsprachig. Von Thomas Mofolo erschienen von 1901 an drei Romane, die er in seiner Muttersprache, Lesuto, ver-fasst hatte und die später ins Englische übertragen wurden. Die beiden ersten Ro-mane "The Traveller on the East" und "Pitseng" waren wenig erfolgreich. Der Erfolg sollte sich 1925 mit dem Erscheinen seines dritten Romans "Tchaka" einstellen. Ein anderer englischsprachiger Autor, der Ghaner E. Casely Hayford, veröffentlichte 1911 einen Roman, der unter dem Titel "Ethiopia Unbound" ins Englische übersetzt wurde. 1943 erschien bei Arthur Stockwell in London der von R. E. Obeng in engli-scher Sprache verfasste Roman "Eighteen Pence". Anders als die französischspra-chigen Autoren blieben die englischsprachigen dem Christentum verpflichtet, auf dessen Einfluss sie die Befreiung ihres Bewusstseins zurückführten. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass ihre Werke von den Missionen veröffentlicht wurden, wo sie ihre Ausbildung erhielten. Oder zumindest mit deren Segen. In dieser Zeitspanne - es sind die dreißiger und vierziger Jahre - konsolidierte sich die Negritude zu einer geistigen Bewegung von überragender Geltung. Jean Paul Sartre schrieb das be-rühmte Vorwort "Orphee Noir" zu Senghors "Anthologie des poetes noirs". Doch auch die Rückkehr der Englischsprachigen auf die Literaturszene vollzog sich nicht ohne Aufsehen zu erregen. Mit "Ivrogne dans la brousse" frappierte der Nigerianer Amos Totuala die Kritik und die literarische Welt. In einem Englisch, das auf den ersten Blick als unvollkommen erschien, das sich aber bei einer genaueren Betrachtung als eine sehr originelle Sprache herausstellte, hat der Autor mit viel Scharfsinn und Er-findungsgabe Folklore der Yoruba in den Roman integriert, und es ist ihm gelungen, eine afrikanische Erzählung in einen Roman okzidentaler Prägung zu verwandeln, ein dichterisches Experiment, das bis heute einzigartig geblieben ist. Acht Jahre vor dem Erfolg eines Yambo Olonguem und Amadou Kourouma hat Totnola der Entwick-lung des schwarzafrikanischen Romans einen entscheidenden Impuls versetzt. 1958 erschien der Roman "Things Fall Apart" des Nigerianers Chinua Achebe, die subtile Infragestellung der traditionellen Welt, eine Thematik, die eine neue Richtung in der afrikanischen Literatur vorzeichnete. Chinua Achebe distanziert sich von der naiven Vision eines idyllischen Afrika, wie es die Negritude imaginierte, und beschreibt mit schonungsloser Offenheit die ruinöse Lage in den traditionellen Gesellschaften Unter dem Einfluss dieser klarsichtigen und mutigen Bewegung zogen die Schriftsteller der zweiten Generation die Bilanz über die afrikanische Realität, ihre regionalen, tribalen und ethnischen Gegebenheiten ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit. Die afrikanische Literatur der ersten Generation beginnt mit Rene Maran, dem Pionier der Negritude, und endet mit Chinua Achebe. Das Erscheinungsjahr von Achebes Erstlingswerk, 1958, ist auch das Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit, ein Ereig-nis, das eine neue Ära einleitet und zur Entstehung einer radikal neuen literarischen Bewegung führte.

 

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